Das Rollstuhlfahrerexperiment
30.10.2009, 14:20 Uhr
Mein Experiment startet. Ich habe mir von meiner Zivistelle einen Rollstuhl ausgeliehen, damit ich drei Tage lang mich wie ein Rollifahrer durch die Stadt bewegen kann. Sinn des Ganzen: ich will wissen, wie gut Rollstuhlfahrer zurecht kommen können.
Als erstes fällt mir auf: ich hab ‘nen scheiß Rollstuhl gewählt. Man sitzt wie auf einem Thron, fährt jedoch sehr langsam und behäbig. Erste Folge: ich verpasse meine S-Bahn und kam erst nach 14 Minuten am S-Bahnhof an, der Fußweg dauert sonst maximal drei Minuten. Schnell über die Straße rennen, wenn mal frei ist, geht ebenfalls nicht.
Auf der anderen Seite angekommen fuhr ich in den Aufzug. Immerhin gibt es einen am S-Bahnhof.
Allerdings funktioniert der nicht, dafür stinkt er aber nach Urin. Fluchend fahre ich aus dem Aufzug heraus und ein Bauarbeiter guckt mich mitleidig an. Als ich aus dem Rollstuhl aussteige um meinen Rolli die Treppe hochzutragen guckt ist er verwirrt. Ich glaube, er hat die Kamera gesucht.
Am Bahnsteig habe ich meinen alten Deutschlehrer wiedergetroffen, der mich erst mal schockiert fragte, was ich denn wieder gemacht habe. Nach einer kurzen Erklärung fand er die Idee toll – er durfte mir auch gleich helfen: ich kam nicht in die S-Bahn, da der Abstand zu groß und die Bahn auch noch erhöht ist. Ihr glaubt gar nicht, wie eine kleine Lücke plötzlich zu einem weitreichenden Tal werden kann.
Die ersten Zweifel kommen auf: bin ich zu untrainiert (war ja eine spontane Aktion) oder einfach feige?
Bahn fahren empfinede ich als unangenehm, mit der Fahrtrichtung hab ich Angst, dass ich herausfalle oder hinten ‘rüberkippe – ich hatte ja kein Stützrad. Also seitlich, das fühlt sich aber einfach seltsam an.
Aussteigen ist einfacher als Einsteigen, einziges Manko: ich falle fast aus dem Rolli.
Immer mehr Menschen gucken mich mitleidig an – das nervt. Ich sitze nur im Rollstuhl und bin nicht dem Tod geweiht, oder so.
Mein nächster Weg führt in den Zeitschriftenhandel, ich kaufe mir einen Block und einen Stift, damit ich meine Erfahrungen festhalten kann. Eigentlich wollte ich twittern, aber dafür scheint mir die Aktion zu schade.
Im Zeitschriftenhandel fällt mir zuerst auf, dass es schier unmöglich ist an höher gelegene Zeitungen oder Bücher heranzukommen, aber eine Frau hilft mir freundlicherweise. Den Block finde ich selbst nicht, aber die Verkäuferin bringt ihn mir. Demnächst gucke ich, ob der für 1.95€ der billigste war.
Nächster Versuch ist bei Mr. Chicken essen zu gehen – ich hab Hunger. Ist ganz schön anstrengend, selbst kleine Hügel werden zu Hindernissen.
Ich komme problemlos an den Refill-Automaten und mir mein Getränk holen, ich bekomm sogar eine Tüte und Servietten, ohne dass ich danach fragen muss. Liegt das nur am Rollstuhl, oder arbeitet da wirklich jemand mit Kompetenz?
Ich kann problemlos zu allen Gleisen kommen, überall sind funktionierende Aufzüge, die sogar nicht nach Urin stinken.
Da der Einstieg für Rollstuhlfahrer direkt am Raucherquadrat liegt fahr ich sofort dahin. Ein Päärchen neben mir unterhält sich:
Er: Ich mach mir noch eine Kippe an.
Sie: Lass uns ‘rüber gehen, wir müssen Rücksicht auf ihn nehmen!
Ab.
Die beiden sind daraufhin zum anderen Raucherquadrat gelaufen. Hätten die Rücksicht auf mich genommen, hätte ich da gestanden? Eher nicht. Langsam will ich mir die Beine vertreten, die ganze Zeit stillhalten ist nichts für mich…
30.10.2009, 14:56 Uhr
Ich sitze im RE1. Eine freundliche Zugbegleiterin hat mich gesehen und mir sofort die Rampe ausgefahren. Sie will wissen, wo ich aussteige, damit da auch sofort jemand kommt. Ich nenne mein Ziel und die Dame verschwindet. Ich treffe auf gut angetrunkene SC Paderborn-Fans, die mir und einem E-Rolli-Fahrer sofort Platz machen. Sehr nett, hätte ich nicht erwartet.
30.10.2009, 18:30 Uhr
Ich bin angekommen! Über vier Stunden lang habe ich ununterbrochen im Rollstuhl gesessen, ohne ein einziges Mal meine Beine zu bewegen. Ich hoffe, dass “echte” Rollifahrer sich daran gewöhnt haben oder ihre Beine erst gar nicht spüren. Dieses unangenehme Gefühl möchte ich niemandem wünschen.
Auf dem Weg hierher habe ich mich noch tatsächlich zweimal schlecht gefühlt. Zum Einen, als ich mit den anderen Rollstuhlfahrern in der Bahn gesessen habe. Da kam ich mir vor wie ein Lügner, ein Heuchler. Ich glaube der E-Rolli-Fahrer hat auch gesehen, dass ich versucht habe meine Zehen unauffällig zu bewegen.
Das andere Mal war in der Straßenbahn. Vom RE-Gleis zum Ubahn-Gleis kam ich dank den Aufzügen problemlos, in die 16 kam ich auch noch problemlos rein. Allerdings sah es anders aus beim Ausstieg: drei steile Treppen ragten nach unten und für mich schien es aufstehen zu heißen, als mir ein alter Mann helfen wollte. Ich wollte ihm sagen, dass ich laufen kann und er sich nicht seinen Rücken kaputt machen soll, aber dann kamen zwei menschliche Panzerschränke, von denen ich eher Spott als Hilfe erwartet hätte, die mich aus der Straßenbahn hoben.
Meine Folgebahn war zum Glück eine Niederflurbahn, also konnte ich problemlos ein- und aussteigen.
Im Dunkeln hab ich noch übersehen, dass ein Stein im Kopfsteinpflaster fehlte und blieb mit einem kleinen Rad drin stecken, während das Große in der Luft hing. Ich konnte mich nur um die eigene Achse drehen.
Ich wollte mir mit meinem Fuß behelfen, als ich plötzlich von jemandem rausgeschoben wurde. Er fragte mich nach meinem Weg und wollte extra für mich einen Umweg machen. Das wär aber zu viel der Nächstenliebe gewesen, also erzählte ich ihm von meinem Experiment und klärte ihn auf, dass ich mir gut selbst helfen kann.
31.10.2009
Heute war ein ruhier Tag, ich bin nur allein bei einem Getränkemarkt, wo mir wieder Hilfe angeboten und ich noch gewarnt wurde, ich solle doch nicht versuchen, an zu hohe Kästen ‘ranzukommen, da die sonst auf mich drauffallen und mich schwer verletzen könnten. Danke, ich bin nicht doof.
Die Flaschen packte sie mir dafür aber ein.
Bei einem Gespräch mit ‘nem Freund hab ich rausgefunden, dass ich gesehen worden bin und gleich erst mal Irritationen da waren: Warum sitzt der Sven im Rollstuhl?
Schwach fand ich die Reaktionen der Menschen, als ich mit meiner Freundin unterwegs war, die mitleidigen Blicke galten auf einmal ihr, ich hingegen wurde blicklich beglückwünscht, dass ich eine “Läuferin” abbekommen habe, die mich pflegen kann. Vielen Dank auch, ihr Heuchler.
Im REWE konnte ich mich übrigens frei selbst bewegen, selsbt die engsten Gänge waren rollstuhlfahrerfreundlich.
Fazit
Die Menschen reagieren zum Teil sehr bemitleidend, das empfand ich als störend – ich konnte nur nicht laufen, ansonsten alles. Auf der anderen Seite waren die Menschen sehr hilfsbereit, ich musste nie nach Hilfe fragen, sondern sie wurde mir immer schon vorher angeboten. An großen Bahnhöfen hatte ich wenig bis keine Probleme, an Kleineren hingegen ist man ohne Hilfe schon aufgeschmissen. Es ist ein schönes Gefühl, dass einem geholfen wird, auf der anderen Seite jedoch unschön auf andere angewiesen zu sein.
Ich beende mein Experiment schon nach zwei Tagen – aus Bequemlichkeit, sowie auch aus Respekt vor den helfenden Menschen. Sie sollen lieber denen helfen, die es wirklich brauchen, anstatt mir als unfreiwillige Versuchspersonen zu dienen.
Categories: Allgemein, Das Leben an sich
Respekt Herr C.
Ich find es bemerkenswert sich in solche eine Situation freiwillig zu bewegen. Ich glaub dein Zivijob tut dir richtig gut (ohne dass das jetzt böse klingen soll).
)
Der Bericht ist super geschrieben. (vielleicht solltest du ihn an die ein oder andere Zeitung schicken
Lg
die die dich schon was länger kennt
by Jenny on Nov 9, 2009 at 20:14